Stefan Hölscher

2020
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Folgende fiktive Situation soll ein Problem markieren, das in diesem Beitrag diskutiert wird und nach Ansicht seines Autors ein an Kunsthochschulen weit verbreitetes Phänomen darstellt. Im Rahmen eines Mentoring-Workshops stellt eine Gruppe Studierender Arbeitsmaterial ihres aktuellen Projekts vor, um es anschließend in der Gruppe zu besprechen. Ziel des Veranstaltungsformats ist es, die Studierenden während der Entwicklung ihrer künstlerischen Praktiken zu begleiten und diese nicht anhand handwerklicher Kriterien überzudeterminieren, sondern ihrer Eigenlogik zu folgen, den ihnen inhärenten ästhetischen Potentialen nachzugehen und ein Bewusstsein für die Kontexte und Diskurse zu schaffen, in denen sie verortet sind. Die Studierenden, die heute ihr Projekt vorstellen, haben ein Photoalbum mitgebracht, in das sie, der Anordnungslogik von Urlaubsaufnahmen folgend, eine Reihe analoger Photographien geklebt haben, die Dutzende Schnappschüsse einer entfernten Insel zeigen, die sich hinter der den Vordergrund des Bildes einnehmenden Meeresoberfläche abzeichnet.

Die Bilder sind immer aus der gleichen Perspektive und allesamt mit unscharfer Brennweite angefertigt worden. In dem sich wiederholenden Ausschnitt zeigen sie unterschiedliche Tages- und Nachtzeiten, mal eine ruhig ausgebreitete Wasseroberfläche, dann eine stürmische See, teilweise klaren Himmel, dann dichten Nebel. Neben der Kameraperspektive bleibt dabei das Objekt im Hintergrund des Bildmotivs gegenüber den zeitlichen Abfolgen an Ort und Stelle: Die Insel, die von allen Seiten vom Wasser eingeschlossen ist. […]