Das Geben-und-Nehmen-Spiel

Schritt 1:

Versammle eine Gruppe von Leuten um einen Tisch herum. Acht bis zehn Menschen ist eine gute Größe. Es können Freunde oder sogar Familie sein - es ist eine großartige Möglichkeit, wieder Kontakt aufzunehmen und Ihre Beziehungen aufzufrischen, wann immer es gebraucht wird. Es ist auch okay, wenn es Leute gibt, die sich nicht kennen oder die normalerweise nicht zusammen Zeit verbringen würden.

Schritt 2:

Jede*r nimmt sich ein Stück Papier und schreibt ihren/seinen Namen und etwas, das sie/er gerne GEBEN möchte, darauf - egal was! Groß, klein, konkret, abstrakt – sogar ein performatives Geschenk ist möglich!

Schritt 3:

Auf ein zweites Stück Papier schreibt jede*r ihren/seinen Namen und etwas, das sie*er EMPFANGEN möchten. Benutzt eure Phantasie - was braucht ihr wirklich? Fragt von Herzen.

Schritt 4:

Alle Zettel kommen in eine Schüssel.

Schritt 5:

Reihum wird ein Stück Papier aus der Schüssel gezogen und vorgelesen. Agatha hat einige Tipps, wo man in Berlin hingehen kann. Ist jemand interessiert? Jared braucht mehr Zeit. Wer kann ihm helfen?

Schritt 6:

Nehmt euch die Zeit, einander zuzuhören!

Schritt 7:

Macht weiter, bis jedes Stück Papier bearbeitet wurde. Denkt daran, dass nicht jeder Wunsch erfüllt werden muss.[1]

Der Social Muscle Club wurde von Jill Emerson und Till Rothmund gegründet und wird gemeinsam mit vielen Kollaborateur*innen durchgeführt.


Interview


G.E.: Vielen Dank Jill, dass du Zeit hast und bereit bist, mit mir über den Social Muscle Club zu sprechen. Nach den letzten beiden Abenden, an denen ich an euren Clubs teilgenommen habe, haben sich viele Eindrücke und Fragen ergeben. Doch bevor wir zu den Aspekten der Technik des Gebens und Nehmens kommen, die bei euch ja im Zentrum steht, und die uns auch im Rahmen unseres Buches hier besonders interessiert, würde ich dich gerne Fragen, ob du ein bisschen erzählen kannst, wie sich der Social Muscle Club entwickelt hat?

J.E.: Es ist so eine persönliche Geschichte, und ich denke, das ist wichtig für die Technik, die aus einer Notwendigkeit, und weniger aus einer Überlegung eine Show zu machen, kommt. Mein Mann war auf der Filmschule, ich bin Tänzerin, wir haben also beide einen künstlerischen Hintergrund, wobei er etwas mehr auf der Seite der Produktion ist, er ist ein Produzent. Er hatte einen Tinnitus, der durch den Stress und Druck zu einer Stimme in seinem Kopf wurde. Man kann also sagen, er war in eine Phase der persönlichen Krise. Es war nicht unbedingt eine bedrohliche Stimme, aber es war etwas, mit dem er umgehen musste. Die Stimme gab ihm Nachrichten und sie hat uns buchstäblich auf eine Reise nach Los Angeles geschickt, wo – so dachte ich – er sich in Hollywood für Jobs bewerben wollte (was er auch getan hat). Zugleich sagte die Stimme aber auch: „Nimm auch die Obdachlosen auf der Straße wahr und sprich mit ihnen“. Und so verbrachten wir eine Woche zusammen, in der wir die verrückte Erfahrung gemacht haben uns zu öffnen, unsere Komfortzone zu verlassen, mit verschiedenen Menschen vor allem Menschen auf der Straße zu sprechen und wir hatten diese magischen Erfahrungen, die dadurch entstanden sind. Als wir beispielsweise einem Obdachlosen eine Flasche Wasser gegeben haben, kam im selben Moment eine andere Person vorbei und gab ihm auch Wasser. Wir haben gemerkt, dass Handlungen ansteckend sind und uns kam die Idee, dass geben ansteckend ist. Oder wir haben jemandem fünf Dollar gegeben und er gab uns einen selbstgemachten Ring. Diese Erfahrungen waren sehr erfüllend und mindestens genauso erfüllend wie die, die aus den Vorstellungsgesprächen mit all den Hollywoodgrößen zustande kamen, die durch seinen Kontakt zu Tilda Swinton entstanden. Es war also ein extremer Kontrast, der sehr inspirierend war. Am Ende sind wir in Deutschland geblieben und nicht nach L.A. gezogen. Das waren die ersten Schritte, die zum Social Muscle Club führten. Auch ich hatte mich gefragt, was ich mache und was die Bedeutung meiner Kunst ist. Zudem war er sehr inspiriert von dem Dokumentarfilm Ein Arbeiterclub in Sheffield (Peter Nestler, BRD 1965). Seine Tätigkeit beim Film war neben den Erfahrungen in L.A. die Hauptinspiration für ihn. Dies half uns Fragen zu stellen wie: Was ist wertvoll? Was ist erfüllend? Und all das verband sich zum Social Muscle Club. Und ganz konkret haben wir überlegt, so etwas wie den Sheffieldclub (aus dem Film) zu veranstalten. Ein Club, bei dem jedoch schnell, direkt und ohne Bürokratie einander geholfen werden kann. Die erste Idee war, eine Party zu veranstalten, bei der jede*r Geld in ein Glas gibt und anschließend entscheiden wir gemeinsam, wo das Geld hingeht.

G.E.: Dies entspricht ja sehr direkt der Sheffield-Idee einer finanziellen Hilfe.

J.E.: Ja, dort bezahlt man seinen Beitrag und ist Mitglied im Club. Das Geld geht dann an die, die es brauchen, wenn z. B. jemand krank ist. Wir wollten es direkter und im Rahmen eines Abends machen, eine Art Live-Crowd-Funding. Wir haben überlegt, wie wir das umsetzen können, bis ein Freund von Till (Jills Mann) die Frage aufbrachte: Warum ausschließlich Geld? Und so gingen wir einen Schritt weiter und ich meinte – so didaktisch wie ich immer denke: Warum versuchen wir nicht einfach alle auf einen Zettel aufzuschreiben, was wir geben wollen, schreiben unseren Namen darunter und sammeln die Zettel in einem Glas. Wir fragten uns einfach, was ist die einfachste Weise es anzugehen? Und so haben wir es gemacht und es hat irgendwie funktioniert. Ausgehend von der Sheffield-Idee dachten wir, es muss auch Performances geben. Ich selbst bin Performerin und hatte eh den Plan Performantes zu integrieren. Und so haben wir einen Abend in unserem Wohnzimmer veranstaltet: Wir haben eine sehr formale Einladung an acht Leute geschickt. Es waren zwar alles unsere Freunde, die sich jedoch nicht unbedingt untereinander kannten – eine sehr zufällige Zusammenstellung von Menschen. Wir haben Käse und Wein serviert, um es besonders und ganz formell zu machen. Zudem habe ich ein sehr verrücktes Gastgeberritual am Anfang veranstaltet und alles fühlte sich sehr wichtig und konzentriert an und alle haben versucht, die Wünsche auf den Papieren zu erfüllen. Wir haben direkt gemerkt, dass uns diese Praxis woanders hinführt als zu dem, was wir sonst bei einem Abendessen mit Freunden erleben. Anfangs fragte Jared Gradinger noch, ob er nun wirklich das geben müsse, was auf dem Zettel stand (es war eine Massage). Wir mussten uns damals, 2012, also erstmal in die Praxis einüben. Vielleicht liegt dieses just share, just give jetzt mehr in der Luft, ich weiß es nicht.

Till hatte direkt die Idee, das Format mit vielen Menschen zu veranstalten und dann, 2013, haben wir einen Abend mit zehn statt mit einem Tisch veranstaltet. Das hat sich dann zu dem jetzigen Format entwickelt: Ein großer Raum mit mehreren Tischen und wenn du niemanden zum Geben und Nehmen an deinem Tisch findest, kannst du den ganzen Raum fragen. So war es viel besser, da wir von der Energie aller zehren konnten und jede*r von den anderen inspiriert wurde. Durch die Performances öffneten sich die Leute, man spürte die Inspiration und die Großzügigkeit, es war viel verspielter und wurde zu einem richtigen Ereignis.

G.E.: An den Abenden, an denen ich Teil genommen habe, gab es ja immer eine Reihe von kürzeren Performances. Welche Funktion haben die im Rahmen des Social Muscle Clubs?

J.E.: Als Künstler*innen verstehen wir diese Performances als Geschenke. Mit Rahel Savoldelli haben wir viel über die Konkurrenzsituation in der Kunstwelt nachgedacht und wie alle für die wenigen Förderungen kämpfen. Wir wollten nun einfach unsere Kunst, als etwas, das von Herzen kommt, geben. Wir haben somit die Performances auch nie im klassischen Sinne kuratiert. Wie man sicherlich merkt, ist es ein sehr merkwürdiger Mix, bei dem wir vor allem interessante Leute eingeladen haben. Es ging uns mehr um die Person, die dann selbst entscheidet, was sie macht. Es führte dazu, dass die Leute sich entspannen. Also wenn man konzentriert an den Tischen sitzt, bieten die Performances eine Pause zum Zuschauen. Es führt zu einem feierlichen Charakter des Abends. Jeder Aspekt, wie beispielsweise das Essen, ist eine Wertschätzung und Feier. Wenn es nur das Geben und Nehmen mit den Papieren wäre, wäre es zu sehr ein Markt. Man könnte es einfach online machen.

Wir haben SMC zum Beispiel an einem sehr schwierigen Ort, Palm Springs, veranstaltet, mit sehr reichen Menschen, die ganz und gar nicht progressiv waren. Es war der Altenstift meiner Eltern, 50 Jahre und älter. Dort war es sehr wichtig verschiede Künstler*innen aus Berlin dabei zu haben, um an den Tischen andere Ideen einzubringen und den Menschen Vertrauen zu geben. Man entblößt sich ja auch ein bisschen an den Tischen, und so habe ich, um das Eis zu brechen, zur Eröffnung des Abends oft etwas sehr Peinliches gemacht, um zu zeigen: Wir sind alle hier zusammen, man darf sich dumm fühlen.

G.E.: Was ich faszinierend an eurem Konzept finde, ist, wie so eine einfache Technik so vielschichtig sein kann. In unserem Buch geht es uns ja darum Techniken als etwas zu betrachten, das etwas ist, dass wir nicht einfach beherrschen können, sondern etwas, das selbst produktiv ist.

J.E.: Ja, das inspirieren ist wichtig. Und es hat schon so viel Menschen inspiriert, die bei den Clubs waren. Man wird durch andere Menschen inspiriert. Wenn man den Abend als eine Technik verstehen würde, die man beherrschen kann, dann würde das einen nur einschränken. Wenn andere Menschen den Club bspw. in Basel machen, ist das Schöne, dass niemand kontrolliert, ob sie es auch so machen, wie wir es in Berlin machen. Das wäre bescheuert. Sie haben Dinge hinzugefügt und verändert, sie haben ihre eigenen Farben, ihr eigenen Geschmäcker. Ich denke, jede Stadt, die den Club veranstaltet, hat ihren eigenen Stil. Dies macht das ganze Netzwerk der Menschen, die die Clubs veranstalten, zu einem bunten Organismus. Dadurch wird es sehr viel persönlicher und menschlicher. Es ist eine Praxis, die darauf basiert, dass man sie selber ausführen muss. Es geht nicht darum eine Technik zu lernen. Wir sagen, dass es statt einer Franchise-Mentalität mehr um ein „Joint the Club!“ geht. Wir alle nehmen daran teil.

G.E.: Du sagtest gerade, dass, nachdem ihr mit dem Club begonnen habt, andere Menschen dazugekommen sind und neue Clubs in anderen Städten gestartet haben. Kannst du noch etwas über die verschiedenen Clubs erzählen? Wo sie stattfinden und wie sie sich unterscheiden?

J.E.: Wir haben den Social Muscle Club zuerst in den Sophiensaelen (Theater in Berlin) veranstaltet und schon damals nahm jemand aus Basel teil und wollte es dort ausprobieren. Dann haben wir dort einen Club gemeinsam gemacht danach hat er alleine weiter gemacht, aber wir stehen immer noch in Kontakt. Rahel fährt oft dorthin und wir haben ihn nach Berlin eingeladen. Es basiert alles auf Vertrauen und einer guten Beziehung. Wir nehmen keine Gebühren, wir denken, wenn seine Arbeit Früchte trägt, dann tut es auch unsere – und umgekehrt. Das ist die Idee von „Join the Club!“. Es kamen noch zwei Leute aus Bristol, die den Club dort veranstalten wollten. Dann haben wir noch mehrere Clubs als Gastspiele im Rahmen von Festivals in Marseille und Nancy veranstaltet. Außerdem waren wir in Wien im Brut Theater und auch dort entstand die Idee, dass Künstler*innen aus Wien den SMC auch in ihrer Stadt machen. Und so haben sie noch drei weitere Clubs veranstaltet, jedoch konnten die Clubs sich dort nicht wirklich etablieren. Neulich kam allerdings einer der Künstler*innen nach Berlin – die Initiative ist also immer noch da. Es ist viel Arbeit und man kann solch en Engagement nicht erzwingen. Wir waren in Südafrika, auch wenn ich selbst dort nicht dabei war, in München, … Ich vergesse mit Sicherheit noch Orte. Und dann hatten wir natürlich die große Amerika-Tour. Oft werden wir gefragt, aber diesmal entsprach es wirklich unserem Wunsch nach Amerika zu gehen. Und so haben wir Orte gesucht, an denen wir den Club veranstalten konnten. Menschen, die die Idee nicht kannten, aber das Konzept gelesen hatten, haben zugestimmt und uns angeboten, es bei ihnen zu veranstalten. Wir waren in Chicago an der Kunsthochschule, an einem Theater in Atlanta, und dann an der Westkünste: Palm Springs, in einem Theater in San Francisco, L.A. im Bootleg Theater und in Portland in einem Café. Es war eine ganz andere Erfahrung. Es war hart, weil wir dort ankamen und den Club an einen neuen Ort brachten, was schon zu einer etwas anderen Wahrnehmung führt. Es waren kleine Clubs, die jedoch sehr erfüllend waren. Es fühlte sich fast wie eine Forschungsreise an. Und dann haben wir die Künstler*innen von dort nach Berlin eingeladen. So versuchen wir, das soziale Gewebe zu erweitern.

G.E.: Heißt das, dass die verschiedenen Clubs nicht nur an verschiedenen Orten, sondern auch in verschieden Institutionen wie Bibliotheken oder Kunsthochschulen stattgefunden haben? Erzeugt es einen Unterschied, den Club an verschiedenen Orte und Institutionen stattfinden zu lassen?

J.E.: Auf jeden Fall! Der Kontext der Sophiensaele hat sehr gut funktioniert. In Basel hat es bereits in einer Markthalle und in einem Senior*innenheim stattgefunden. Es gab damals schon die Idee, die Clubs an unterschiedlichen Orten stattfinden zu lassen. Ich habe eine kleine Variante in einem Übergangswohnheim, in dem ich gearbeitet habe, gemacht und es ist immer interessant zu sehen, was besser und was schlechter lief. Auf der Peace Talks Tour haben wir sehr stark mit unterschiedlichen Orten in Berlin gearbeitet und waren an Orten wie einem Club (Klunkerkranich), einer Uni (Universität der Künste, UdK), in einer Bibliothek (Gedenkbibliothek) und in den Uferstudios. Ich denke, dass ein konzentrierter Raum von Vorteil ist, somit war die Bibliothek sehr schwer, weil immer wieder Leute rein und raus gegangen sind, das Theater hingegen funktioniert immer wieder sehr gut. Wir wollten aber auch zur UdK, um mehr Studierende zu erreichen. Im Endeffekt kamen gar nicht so viele, die meisten sind nur vorbeigegangen, haben geschaut und nur wenige sind geblieben. Bei dem Obdachlosenheim war unsere Motivation, dass die Obdachlosen womöglich nicht in die Sophiensaele kommen wollen, und so dachten wir uns, dass wir zu ihnen kommen. Oft erreichen wir auch unterschiedliche Leute durch die Performances. So ist zum Beispiel die Obdachlosen-Theatergruppe, mit der ich arbeite, bei einem Club in den Sophiensaelen aufgetreten und sie waren dann auch Teil des Geben-und-Nehmen-Spiels an den Tischen. Es war ein sehr guter Mix, und oft funktioniert gerade das sehr gut. Ja, ich denke, der Kontext verändert total, wie man über den Club denkt und was er ist. Es kann sehr praktisch sein, oder es kann sich plötzlich wie eine große Kunst-Sozial-Skulptur anfühlen. Für mich spielt das keine Rolle, obwohl ich denke, dass es interessant für die Praxis ist, was die Leute denken.

G.E.: Ich habe auch gesehen, dass ihr es in einer Schule gemacht habt.

J.E.: Ja, Agathe und Ronald haben den Club in einer Schule veranstaltet. Sie haben erzählt, dass es sehr gut funktioniert hat. Ich selbst war nicht dabei. Sie haben zunächst kleine Geben-und-Nehmen-Workshops mit den Kindern veranstaltet und dann haben sie den Club dort veranstaltet. Sie berichteten es sei gut gelaufen. Es waren Grundschulkinder. Jared hat den Club mit Kindergartenkindern und deren Eltern veranstaltet. Er hat das Format sehr stark verändert, damit es mit kleinen Kindern funktioniert. Ich weiß nicht, wie das am Ende aussah. Mich würde selbst interessieren, wie es mit Kindern funktioniert. Wenn ein, zwei Kinder bei einem Club sind, funktioniert es immer gut, aber ich weiß nicht, wie es läuft, wenn man nur Kinder dabei hat.

G.E.: Welche Elemente bleiben in diesen vielen Clubs immer gleich und bei welchen ist es euch wichtig, dass sie angepasst und verändert werden?

J.E.: Ich denke, dass eine ehrliche Herangehensweise sehr wichtig ist. Man kann jede Intention direkt in dem Club spüren. Beim Theatertreffen hatten wir zwar ein großes Budget, aber es war für mich nicht der beste Club, da es viel zu sehr darum ging, ob die Bühne gut aussieht und die Dinge perfekt sind. Ich denke, dass die Intention bei jedem Club fühlbar ist, die Umstände sind egal. Also, egal wer es macht, die Intentionen, die man hineingibt, werden im Club spürbar. Und ich würde sagen, dass es immer Performances geben sollte, sonst wäre es eine komplett andere Praxis.

Wenn jemand nur das Geben und Nehmen probieren möchte, kann er das machen, aber ich würde es nicht Social Muscle Club nennen. Ich denke, dass der Ansatz des Individuums in der Gruppe wichtig ist, also diese Gruppen an den Tischen, die sich dann öffnen, das funktioniert sehr gut. Andere haben ausprobiert, direkt an den Tischen und ohne Einführung anzufangen. Dadurch war es am Anfang sehr ruhig, die Einführung kam dann später. Es war ein sechsstündiger Club. Es ist natürlich okay, all diese Dinge auszuprobieren, auch sie sind Teil des Formats. Aber das Spiel mit dem Papier und die Performances, das ist wirklich das, was den Club ausmacht. Und wir haben immer Essen. Das muss nicht sein, aber es ist Teil des Services und der Fürsorge.

Wir haben auch die Practice und die Trying to Talk Touren gemacht, um zu überlegen, wie wir die Idee auch außerhalb der Clubs einbringen können. Es ging uns darum, der Idee, den sozialen Muskel zu trainieren, einen anderen Sinn zu geben. Da haben wir die Idee des Clubs in andere Kontexte gebracht. Die Idee, wie man die sozialen Muskeln in einem partizipatorischen Modus trainieren kann, auf eine je eigene Weise anzugehen ist, denke ich, ein tolles Konzept. Doch das Herz ist immer der Club mit dem Geben und Nehmen als Motor. Nichts in der Welt, das ich kenne, fokussiert so direkt auf das Geben und Nehmen in seiner reinen Form.

G.E.: Was mir gefällt, ist, dass auch die Effekte des Gebens und Nehmens den Club verlassen und nach draußen dringen. Wenn man etwas bekommt, was nicht an dem Abend erfüllt werden kann, wenn man sich trifft und so neue Beziehungen entstehen.

J.E.: Ja, es sind schon Arbeitsbeziehungen dadurch entstanden. Vor allem im Team der Peace Talks, für die wir die Menschen aus aller Welt, mit denen wir zuvor gearbeitet haben, nach Berlin eingeladen haben. Viele sind nun Freunde, einige arbeiten weiterhin zusammen. Das alles geschieht so oft im Club selbst. Wow, was für ein Netzwerk geknüpft wird! Und es ist so gut, weil der Rahmen den Leuten nicht vorgibt, was sie zu tun haben, sondern die Menschen die sind, die es selbst entscheiden. Wir kontrollieren nicht, ob das Geben und Nehmen wirklich stattfindet, das wäre tödlich für den Prozess. Wir haben nur einen kleinen Rahmen und dann ist es eine freie Form. Es ist eine geniale Form und wir sind nur darüber gestolpert. Es ist alles wegen der Stimme.

G.E.: Und würdest du sagen, dass das Theater der Ort ist an dem es am besten funktioniert?

J.E.: Ja, nach all dem was wir probiert haben, denke ich, ist das Theater vielleicht der beste Ort. Aber es funktioniert auch gut im Café, da braucht es nur etwas Konzentration und Menschen, die nur für diese Veranstaltung kommen und nicht so viel rein und raus gehen. Es ist der Abend, das Ausgehen, das Gefühl man geht zu etwas Besonderem und Wichtigem. Gerade die Sophiensaele, mit dem großen Festsaal, ähneln sehr stark dem Raum, in dem der Sheffieldclub veranstaltet wurde.

G.E.: Gibt es denn noch andere Orte oder Institutionen, in denen ihr gerne Clubs veranstalten würdet, und die euch interessieren?

J.E.: Ja, wir haben auf jeden Fall schon über ein Studierendenaustauschprogramm nachgedacht. Das wäre cool. Wir haben Clubs am Art Institut in Chicago und an der UdK gemacht und wir dachten, es könnte eine tolle Möglichkeit für Universitäten sein, einen Austausch zu

organisieren. Wenn zum Beispiel eine Person aus Chicago nach New York kommt, trifft sie dort all die New Yorker Künstler*innen, bekommt all die lokalen Informationen und vice versa. Oder die Person kommt nach Atlanta und veranstaltet da den Club mit. Dann macht man etwas zusammen und es bleibt nicht bei einem normalen Studierendenaustausch. Das wäre etwas, das wir sehr gerne machen würden.

Wir würden auch gerne nach Südamerika. Und ich würde gerne mehr in den USA machen, da ich glaube, dass der Kontrast zwischen dem sehr kapitalistischen Denken und dem Format des Clubs gut funktioniert.

Ich bin gespannt, wenn wir Im Oktober (2019) nach Zagreb fahren, wie es in einer sozialistisch geprägten Gesellschaft funktioniert. Als ich mit der Veranstalterin vor Ort gesprochen hatte, meinte sie, die Verspieltheit wird gut funktionieren. Es gibt zwar immer eine Person, die hilft, aber die Menschen sind die Verspieltheit nicht gewohnt.

G.E.: Ja, ich denke, die Verspieltheit ist sehr wichtig.

J.E.: Ja, sie macht die Praxis so fortschrittlich. Sonst kann ich auch einfach online mein neues Auto, oder was immer ich brauche, suchen, aber darum geht es uns nicht. Es geht nicht wirklich darum, was man auf der materiellen Ebene bekommt und gibt.

G.E.: Ich denke es ist wichtig, dass die Technik des Gebens und Nehmens in einem bestimmten Setting stattfindet, damit sie nicht zu einem rein ökonomischen Austausch gerät und ihre Verspieltheit behält.

J.E.: Ja, deswegen denke ich, sind die künstlerischen Präsentationen und die Moderator*innen so wichtig. Man braucht dieses Setting, um die Technik zu nutzen und die Möglichkeiten, die damit verbunden sind, zu erfahren. Natürlich kann man einfach sagen, man gibt und tut es dann nicht. Doch, ich denke, es ist das Setting, das einen animiert dabei zu belieben und dann auch wirklich zu geben und zu nehmen. Man muss fühlen, dass es wichtig ist – wie bei einem Ritual, das man gemeinsam begeht.

G.E.: Es ist interessant, dass die Technik einerseits so abstrakt und formal ist und dass es zugleich diese andere affektive Ebene gibt, die solch eine wichtige Rolle spielt.

J.E.: Ja, auf jeden Fall. Darum denke ich, dass, obwohl die Technik auf unserer Website steht, für eine Person, die noch nie bei einem Club war, die Technik nicht wirklich gut funktionieren würde. Ich denke, es ist wichtig, dass man es erfährt, um es zu verstehen. Ich merke das immer, wenn ich Leuten versuche zu erklären, was wir machen, das ist ziemlich schwer. Doch wenn sie kommen, verstehen sie es direkt. Es inspiriert Leute über das Potential nachzudenken. Es gibt diesen unbekannten Faktor des Menschlichen, den man dann spürt. Es gibt immer Überraschungen, die stattfinden. Zum Beispiel hat bei einem der ersten Clubs, der noch sehr chaotisch war, jemand nach einer Minute Stille gefragt und der ganze Raum war ruhig für eine Minute. Da war eine wirkliche Performance, die stattgefunden hat. Manchmal funktionieren diese Dinge auf unglaubliche Weise.

G.E.: Würdest du sagen, dass sich die Clubs über die Zeit stark verändert oder entwickelt haben?

J.E.: Das Netzwerk ist definitiv gewachsen, das ist sehr interessant. Das es sich jetzt (2019) immer noch frisch und neu anfühlt, finde ich unglaublich. Ich dachte nie, dass es sich so lange tragen würde. Es ist toll, das unterschiedliche Leute die Clubs organisieren und ich einfach zu einem Club gehen kann, so bleibt es spannend. Meine Rolle ist jetzt auf das weitere Netzwerk gerichtet und wie es wächst, das interessiert mich gerade am meisten. Dazu kommen die ganzen neuen Leute und die persönlichen Beziehungen, die dadurch entstehen. Ich erfahre so viel über neue Künstler*innen, ihre unterschiedlichen Hintergründe und Arbeitsweisen, das ist wirklich interessant. Und dann gibt es immer wieder neue Themen in der Welt, sei es Klima, sei es Rassismus, etwas, das wir zum Beispiel stark in dem Club in Atlanta erfahren haben. Dort waren sehr viel weiße Menschen aus der Mittelschicht und eine Gruppe Afroamerikaner*innen, die eher aus den unteren Schichten kamen. Das hat direkt dazu geführt, dass die Frage nach race Thema in dem Club wurde. Ich glaube die Clubs können immer relevant werden, mit allen Themen, die aufkommen. Keine Ahnung wie lange noch, aber bis jetzt ist es so.

G.E.: Würdest du also sagen, dass politische Themen in diese sehr persönliche Technik mit hineinspielen?

J.E.: Ja, aber nicht, wenn wir sie einfach als Extra hinzufügen würden. Zum Beispiel kamen in L.A. ein paar sehr extrem Linke Trump-Gegner*innen und auch eine Gruppe Abtreibungsbefürworter*innen. Doch es gab auch entgegengesetzte Meinungen, und so wurde es durch die Anwesenden zu einem Thema im Club, wir hätten es jedoch nie als Thema vorgegeben. Manchmal planen wir Themen etwas durch die Leute, die wir einladen. So waren bei dem Palm Springs Club viele reiche weiße Menschen und wir hatten eine Gruppe eingeladen, die ein Verbindung zu einer Gruppe von ärmeren Jugendlichen aus Lateinamerika haben. Und so wurde Geld direkt zu einem Thema. Eine Person hatte gefragt, ob jemand ihre Studiengebühren zahlen könnte, es sei das erste Mal, dass jemand aus ihrer Familie zur Uni geht. Es war so viel Reichtum im Raum, dass, wenn alle zusammengelegt hätten, sie im Nu die Gebühren hätten zahlen können. Aber Geld war das Tabuthema. Es ist sehr faszinierend, wenn das passiert. Politik spielt eine Rolle, aber wir können sie nicht steuern. Ich denke, es würde nicht funktionieren, wenn wir sagen würden: Dies ist ein Club für oder gegen Abtreibung. Es geht um die Individuen und die Individualität, die ausgedrückt wird. Es geht darum, das Individuum im Kollektiv zu erfahren. Wir haben den Club zum Beispiel auch mit einer Gruppe von Künstler*innen durchzuführen versucht, die zusammen arbeiten und das bringt immer Schwierigkeiten mit sich. Es funktioniert schon irgendwie immer, aber es ist besser, wenn es einen Rahmen gibt und es nicht zu viele Gruppendiskussionen gibt und es klar es, dass es sich nicht um ein bestehendes Kollektiv handelt, sondern jede*r auch ihren Freiraum hat. Die Prinzipien, die wir im Club haben, sind auch außerhalb zu finden.

G.E.: Du hast gerade die Kollaborationen angesprochen. Ist denn im Laufe der Zeit eine gewisse Konsistenz entstanden? Vielleicht sind Leute wiedergekommen?

J.E.: Ja, mit Sicherheit. Und das ist auch das, was wir erschaffen wollten. Obwohl wir auch eine Krise im Team hatten. Tiefgehender und konstanter mit Menschen zu arbeiten ist auf jeden Fall ein Ziel. Bis jetzt ist es vor allem durch das Interesse der Leute zustande gekommen. Es gibt definitiv langanhaltende Beziehungen, die durch Interesse zustande gekommen sind. Es hilft, ein Team von Menschen zu haben und es ist auch interessanter, mit mehreren zu arbeiten. Dann hat man diese gemeinsamen Erfahrungen, auf denen man aufbauen kann. Ja, es ist wirklich ein demokratisches Ding, das irgendwann in jeder Stadt stattfinden könnte.

G.E.: Um noch mal auf die Technik des Gebens und Nehmens zurückzukommen. Was mich interessiert, ist, wie die Formalisierung dieser Technik nicht dazu führt, dass das Soziale des Abends einfach reduziert wird, sondern dieses vielmehr fördert und stärkt.

J.E.: Genau. Wenn es zu locker ist, funktioniert es nicht. Ich weiß nicht warum, aber wir hatten es schon ganz am Anfang. Anfangs hatten wir diese sehr formale Email, um zum ersten Club im Wohnzimmer einzuladen. Das Servieren von Getränken, die formale Eröffnung des Abends, all das hilft, doch warum? Vielleicht, weil es ernster genommen wird. Ich glaube auch, dass die Reduktion auf „eins geben, eins nehmen“ hilft zu fokussieren und sich dem Akt sehr bewusst zu werden. Es gibt jedem Raum, keine*r kann den Raum alleine einnehmen. Doch warum es genau funktioniert, weiß ich nicht. Vielleicht, weil es so didaktisch und reduziert ist, ist es partizipatorisch, ohne sich jedoch wie Mitmachtheater anzufühlen. Und es ist sehr praktisch, das mag ich besonders. Selbst wenn einzelne Performances zum Mitmachen einladen, funktioniert es im Rahmen des Clubs. Ich mag, dass so unterschiedliche Dinge zusammenkommen, manchmal wird der Club wirklich zu einem Blick in die Gesellschaft.

G.E.: Vielen Dank!

Interview und Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Gerko Egert

[1] http://www.socialmuscleclub.com