2020
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Tags: Vermittlung , How-to , Lehre , Affekt , Schreiben

HOW TO

ANLEITUNG FÜR EINE GEMEINSAME SITUATION

  1. Bring Arbeitsmaterial zum Workshop mit. Dies kann ein Film, ein Bild, eine Skizze, ein Text, eine Bewegung
    oder auch nur eine Idee sein. Es geht hier nicht um fertige Werke, sondern um etwas, das dich beschäftigt und dessen Form nicht abgeschlossen ist.
  2. Dein Bezug zum Material ist nicht unserer. Obwohl es uns anders betrifft, betrifft es uns alle. Es ist der einzige Bezugspunkt, den wir haben.
  3. Lass das Material für sich selbst sprechen, ohne es zu interpretieren oder zu erklären, was du dir dazu denkst. Lass die sinnlichen Eigenschaften des Materials sprechen. Auch eine Idee hat sinnliche Qualitäten. Sie sollte nicht von ihnen losgelöst werden, sondern sich entlang ihrer Differenzierung entfalten.
  4. Wir sagen, was wir sehen. Wenn wir etwas anderes sehen als die anderen, verneinen wir nicht, was sie sehen. Wir arbeiten trotz allem in derselben Werkstatt. Wenn wir etwas sehen, das auch andere sehen, wiederholen wir nicht, was sie sagen, sondern beziehen uns auf ihre Aussagen, um sie zu vertiefen, auszubreiten und anderweitig zu erweitern.
  5. Durch die Bearbeitung des Materials etablieren wir eine gemeinsame Situation. Diese Situation ist elliptisch gestaltet: Einen Brennpunkt bildet das uns sinnlich gegebene Material, den anderen Brennpunkt bilden unsere es betreffenden Aussagen. Die Form der Ellipse ist nicht stabil. Sie kreist nicht nur um einen Punkt.
  6. Gemeinsam setzen wir das sinnlich gegebene Material ins Werk, indem wir versuchen, der Eigenlogik der Ellipse zu folgen. Wir bleiben bei dem, was wir sehen und versuchen zu vermeiden, unseren Fokus zu sehr auf das zu verschieben, was wir uns dabei denken. Das ist keine leichte Aufgabe, da sich unser Denken dem Material unterschiebt und als es selbst ausgibt. es ist also wichtig, immer wieder innezuhalten, zu schweigen, das Denken zu unterbrechen und sich von den winzig kleinen Nuancen und Verschiebungen berühren zu lassen, die seinen abstand zum sinnlich Gegebenen markieren.
  7. In den Lücken zwischen Sehen und Denken, in den Abständen zwischen uns, nimmt das Material Form an, deshalb dürfen wir sie nicht schließen.

1. Das Sinnliche ins Werk setzen

Folgende fiktive Situation soll ein Problem markieren, das in die-
sem Beitrag diskutiert wird und nach Ansicht seines
Autors ein an Kunsthochschulen weit verbreitetes Phä-
nomen darstellt. Im Rahmen eines Mentoring-Work-
shops stellt eine Gruppe Studierender Arbeitsmaterial
ihres aktuellen Projekts vor, um es anschließend in der
Gruppe zu besprechen. Ziel des Veranstaltungsformats
ist es, die Studierenden während der Entwicklung ihrer
künstlerischen Praktiken zu begleiten und diese nicht
anhand handwerklicher Kriterien überzudeterminie-
ren, sondern ihrer Eigenlogik zu folgen, den ihnen inhä-
renten ästhetischen Potentialen nachzugehen und ein
Bewusstsein für die Kontexte und Diskurse zu schaffen,
in denen sie verortet sind. Die Studierenden, die heute
ihr Projekt vorstellen, haben ein Photoalbum mitge-
bracht, in das sie, der Anordnungslogik von Urlaubs-
aufnahmen folgend, eine Reihe analoger Photographien
geklebt haben, die Dutzende Schnappschüsse einer ent-
fernten Insel zeigen, die sich hinter der den Vordergrund
des Bildes einnehmenden Meeresoberfläche abzeichnet.
Die Bilder sind immer aus der gleichen Perspektive und
allesamt mit unscharfer Brennweite angefertigt worden.
In dem sich wiederholenden Ausschnitt zeigen sie unter-
schiedliche Tages- und Nachtzeiten, mal eine ruhig aus-
gebreitete Wasseroberfläche, dann eine stürmische See,
teilweise klaren Himmel, dann dichten Nebel. Neben
der Kameraperspektive bleibt dabei das Objekt im
Hintergrund des Bildmotivs gegenüber den zeitlichen
Abfolgen an Ort und Stelle: Die Insel, die von allen
Seiten vom Wasser eingeschlossen ist.

Zu diesem Arbeitsmaterial kann unter zahlreichen
Gesichtspunkten viel gesagt werden. Nachdem die Stu-
dierenden ihr Album verschwommener analoger Pho-
tographien präsentiert haben, ist die anschließende
Diskussion zunächst auf die Frage fokussiert, inwiefern
es sich bei ihr um Post-Internet Art handelt. Als jemand
bemerkt hat, dass aufgrund der Unschärfe der Aufnah-
men ein Medienwechsel angedeutet wird, der auf umge-
kehrten Weg wie die Übersetzung digitaler Daten in ana-
loge Printmedien oder skulpturale Objekte vonstatten
geht, bringt jemand anderes Fragen nach medialer For-
matierung ins Spiel. Eine dritte Person erinnert dies an
Debatten aus dem Umfeld des spekulativen Realismus –
immerhin hätte bereits Meillassoux vorgeschlagen, das
korrelationistische Denken zu verabschieden.

In welchem Verhältnis stehen das Material und seine ver-
schachtelten Kontextualisierungen? Der Workshop des
Sinnlichen geht von unserer praktischen Situation und
ihrer sinnlichen Erfahrung aus. Er abstrahiert nicht
und ordnet sie auch nicht in vorgefertigte Kontexte ein.
Im Workshop des Sinnlichen beschäftigen wir uns mit
den konkreten Qualitäten und nicht mit rein äußerli-
chen theoretischen Perspektiven. Anstatt das sinnlich
Gegebene zum Objekt und Prädikat eines denkenden
Subjekts zu degradieren, wird ihm in unserer Werkstatt,
wo, mit Ludwig Feuerbach gesprochen, Theorie zur Pra-
xis wird, ein eigener Subjektstatus zuerkannt. In seinen
Grundsätzen der Philosophie der Zukunft
richtet sich Feu-
erbach nämlich, in einer auch für heutige Debatten noch
relevanten Weise, gegen G.W.F. Hegels Subsumierung
des in den Sinnen Gegebenen unter den Geist.

»Im Denken bin ich absolutes Subjekt, ich lasse alles nur gelten als
Objekt oder Prädikat von mir, dem Denkenden, bin intolerant; in
der Sinnentätigkeit dagegen bin ich liberal, ich lasse den Gegen-
stand sein, was ich selber bin – Subjekt, wirkliches, sich selbst
betätigendes Wesen. Nur der Sinn, nur die Anschauung gibt mir
etwas als Subjekt.« (Feuerbach 2013: 31)Ähnliche Gedanken entwickelt Michel Serres in einem seiner poetischsten Texte (Serres 1998)

Hierbei geht es nicht um Phänomenologie oder sogar ein
»wilde[s] Sein« (Merleau-Ponty 2004: 261), in dem
Maurice Merleau-Ponty »das gemeinsame Gewebe, aus
dem wir gemacht sind« (2004: 261) gesehen und dem er
die Fähigkeit zugeschrieben hat, »die Welt wiederher-
zustellen als einen Seinssinn« (2004: 319). Das sinnlich
gegebene Material ist niemals ›wild‹ oder ›roh‹. Es ist
von Politik und Macht durchzogen und trägt nicht nur
eine, sondern viele Geschichten in sich (Savoy 2018).
Obwohl wir uns in ihm nicht zusammenschließen und
einen Konsens finden werden, ist es dennoch der ein-
zige Ort, an dem wir darüber streiten können, was uns
hier zusammenbringt.

Die sinnlichen Qualitäten unserer Situation sind der
Abstand zwischen den zwei Brennpunkten der Ellipse.
Sie verbinden die Festigkeit des Materials mit der Leich-
tigkeit unserer Sinne. Wir teilen das Sinnliche weniger
unter uns auf, als dass wir untersuchen wollen, wie wir
an ihm teilhaben, wie es uns durchläuft, was es mit uns
macht, wie wir uns darauf einlassen, was wir daraus
machen. Bei all dem geht es sowohl um Fragen der Poli-
tik und Macht als auch um historische Fragen. Erstens
ist das unsere Praxis: Unsere Praxis ist unser Bezug
aufeinander über ein uns gemeinsam gegebenes sinn-
liches Material und unsere Teilhabe an dessen Genese.
Vermittels unserer Praxis gestalten wir das Material, an
dem wir arbeiten, ebenso neu wie wir unsere sozialen
Beziehungen (politisch, machttechnisch, historisch)
untereinander bearbeiten. Willkommen im Workshop
des Sinnlichen. Das Material allein ist hier das uns
Gemeinsame, ohne dass es uns vereinen könnte. Die
Werkstatt setzt unsere Trennung voneinander voraus.
In ihr haben wir verschiedene Gedanken, die wir unter-
schiedlich interpretieren, über die wir uns nicht immer
verständigen können, aber sie alle beziehen sich auf ein
und denselben Brennpunkt. Das Material ist der Anker-
punkt (die eine Seite der Ellipse) unserer Arbeit an ihm
(der anderen Seite der Ellipse). Aus unserer Praxis
resultiert zweitens unsere Situation: Die uns
gemeinsame Situation gibt es nur in unserem sinnli-
chen Bezug auf das Material. Nur wenn wir uns sinnlich
ebenso gegenüber dem Material wie einander gegen-
über – also gegenüber dem, was wir jeweils nur indivi-
duell denken – öffnen und unsere voneinander abwei-
chenden Verhältnisse klären, werden wir einen Punkt
erreichen, an dem wir uns treffen könnten, aber nicht
müssen. Wahrscheinlich werden wir uns nicht treffen,
sondern nur kurz begegnen. Vielleicht verfehlen wir
uns auch, aber die einzige Möglichkeit einer Begegnung
findet anhand einer Verständigung über unsere Sinne
statt, darüber, wie wir eine uns gemeinsame sinnliche
Welt völlig unterschiedlich auffassen. Das Material hat
nichts Negatives an sich. Ihm mangelt es an nichts, und
dennoch ist es nicht perfekt und ruft nach seiner Verän-
derung. Die Ellipse wird nie zu einem Kreis werden, aber
ihre beiden Brennpunkte können sich unendlich einan-
der annähern. Dies kann schnell passieren oder sehr
langsam und holprig vonstatten gehen. Unter Umstän-
den stellt sich eine Annäherung auch als Entfernung
heraus oder der Moment, wenn die beiden Punkte sehr
weit voneinander weg liegen, schlägt plötzlich in ihre
unheimliche Nähe um.

Anstatt zu fragen, was unsere Situation ist, beschäftigen wir
uns besser damit, wie sie auf verschiedenen Ebenen
sinnlich beschaffen ist (Deleuze 2003b). Wie berührt
uns das, was wir hier sehen? Wie synthetisieren wir
das uns in den Sinnen Gegebene, um Sinn daraus zu
machen? Wie ist uns etwas sinnlich gegeben? Welche
Machtverhältnisse sind damit verwoben und wie sind
sie historisch gewachsen? Was steht in ihm politisch auf
dem Spiel? Wie lässt sich eine Struktur beschreiben, die
so vielfach in sich gebrochen und zergliedert ist, dass
wir sie nicht ganz überblicken und erfassen können?
Wie verhalten sich ihre unzähligen Komponenten in
einer Weise zueinander, dass ihr gemeinsames Wirken
mehr ist als die Summe aller Teile?

Unsere sinnliche Situation ist weder ›wild‹ noch
›roh‹, sie ist auch nicht einfach gut, weil sie
sinnlich ist. Vielleicht ist sie auf dem Weg zur Schönheit,
aber sie ist überall unstimmig, da sie eben elliptisch und
nicht kreisförmig ist.Vgl. hierzu auch die radikale Lesart von Kants
Ästhetik in Deleuze (2003a).
Sollte aus ihr einmal unser Werk
werden, muss das Verhältnis der Elemente zueinander
geändert werden. Vielleicht liegen sie an manchen Stel-
len zu eng beieinander, möglicherweise muss hier und
dort eine Distanz überbrückt werden. Manche Teile pas-
sen auch gar nicht. Dies kann mehrere Gründe haben:
Vielleicht sind sie nur fehl am Platz und werden erst in
einem anderen Licht Gestalt annehmen oder sie stim-
men insgesamt nicht miteinander überein.

Ein weiteres Moment neben dem Raum ist die Zeit. Die
sinnlichen Qualitäten, mit denen wir es in unserer
Werkstatt zu tun haben, weisen eine temporäre Seite
auf, auch wenn wir es mit Photographie oder Malerei zu
tun haben. Ständig wechseln sie ihr Tempo, da sie aus
verschiedenen Rhythmen bestehen. Um stimmig zu
sein, muss die Zeit gelegentlich beschleunigt, oft aber
auch verlangsamt werden. Möglicherweise dauert sie
jetzt zu lange, möglicherweise muss sie im nächsten
Moment schon wieder kurz angehalten werden. Noch
einmal: Weder ist unser Arbeitsmaterial perfekt noch
in sich stimmig. Es trägt zwar das Versprechen in sich,
in seiner Begegnung mit uns eine Form anzunehmen,
die unser gemeinsamer Sinn wäre, aber diesen Sinn
kann es eben nur versprechen. Es liegt an uns, was wir
daraus machen. Das uns sinnlich gegebene Material ist
alles was wir haben. Wir kommen nicht über es hinaus,
vollends in es hinein, gelangen nicht von ihm zu einem
anderen Material. Wir bleiben ihm verhaftet. Das Mate-
rial entspricht keiner ihm äußerlichen Idee: Es ist eher
eine Vielzahl an Problemen, die nach ihrer Entfaltung
verlangen und differenziert werden wollen, ohne allzu
schnell gelöst zu werden. Es lässt sich zwar anschau-
en, nicht aber vollends begreifen. Seine Qualitäten sind
fühlbar, entsprechen aber nicht unseren Begriffen.
Wären die zwei Brennpunkte der Ellipse deckungs-
gleich, hätten wir keine Ellipse mehr, sondern
einen Kreis vor uns und wären in unserem nur
individuellen Denken gefangen.

2. Im Workshop des Sinnlichen

In Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie bemerkt Ludwig
Feuerbach: »Ehe du die Qualität denkst, fühlst du die Qua-
lität. Dem Denken geht das Leiden voran.« (Feuerbach
1975: 230). Wir müssen das Material zunächst rezeptiv
aufnehmen, seiner Form folgen, ohne in sie einzugrei-
fen. Den ihm inhärenten Spannungen nachspüren und
so zu seinem ohnmächtigen Subjekt werden, bevor wir
uns anmaßen können, über es zu urteilen, es zu denken,
es ins Werk zu setzen. Das Material wirkt auf uns, indem
es unsere Sinne ergreift, sie mit sich anfüllt, sie ein-
nimmt und uns zu sich hinüberzieht. Erst wenn wir uns
dem Material gegenüber nahezu, aber nur fast, aufgeben,
werden wir beginnen, unsere sinnliche Situation zu ver-
stehen. Bitte lasst uns über all das sprechen und dabei
präzise bleiben. Wie gesagt, wir wollen zunächst verste-
hen, wie die Situation uns sinnlich gegeben ist, um dann
daraus einen Sinn zu machen. Dazu ist es notwendig,
dem Material unserer Arbeit sehr gut zuzuhören, um
nachempfinden zu können, wie es uns bewegt. Zuerst
müssen wir uns von ihm bestimmen lassen, dann kön-
nen wir intervenieren und gemeinsam mit ihm anders
werden (Seel 2014). Der Workshop des Sinnlichen ist die-
ses gemeinsame Anders-Werden, in das uns die Situa-
tion bringt, indem sie uns mit dem Material und über es
miteinander verschränkt, wobei unsere Verschränkung
mehr ist als ein leiblicher Chiasmus im Sinne der Phäno-
menologie, da unsere Körper ebenso wie die Sinne eine
Geschichte haben und von Macht und Wissen durchzo-
gen sind. In der sinnlichen Werkstatt – mehr haben wir
nicht, aber auch nicht weniger – stehen deshalb auch
unsere sozialen Verhältnisse auf dem Spiel.

Es geht hier um ein Workshop-Format, das sich von ande-
ren Mentoring-Formaten im Kunsthochschulbereich
unterscheidet, da in ihm nicht nur die künstlerischen
Praktiken der Studierenden im Fokus stehen, sondern
das Material, an dem sie arbeiten. Dabei rückt
das Material gegenüber seiner (bloßen) For-
matierung durch die Generierung von Kontextwissen
in den Vordergrund.Womit sich der Workshop des Sinnlichen kon-
trär zur neoliberalen Umstrukturierung des Hochschulsystems verhält, die treffend
beschrieben ist in The Edu-factory Collective (2009).
Vor diesem Hin-
tergrund lässt sich das Wort Workshop ohne allzu gro-
ße semantische Verluste mit »Werkstatt« ins Deutsche
übersetzen. In der Werkstatt des Sinnlichen sind wir
sinnlich am und mit dem Material tätig. Unsere Arbeit
am und mit dem Material bildet zusammen mit dem
Material selbst die zwei Brennpunkte der Ellipse, die
sich als unsere Situation darstellt. Ausgangspunkt ist
hier etwas, das sich im Kontext des angelsächsischen
Pragmatismus »Erfahrung« (experience) nennen lässt
und in Feuerbachs Kritik am deutschen Idealismus und
an Hegels Phänomenologie des Geistes mit dem Sinnlichen
in seinem Unterschied zu Vermögen wie Verstand oder
Vernunft verbunden ist.In Das Ding und seine Beziehungen schreibt William James allerdings einschränkend: »Ich habe den unmittelbaren Fluß des Lebens als ›reine Erfahrung‹ bezeichnet, welche das Material für unsere spätere Reflexion mit ihren begrifflichen Kategorien liefert. Allein von Neugeborenen oder Menschen, die sich aufgrund von Schlaf, Medikamenten, Krankheit oder auch Hieben in einem Halbkoma befinden, kann angenommen werden, dass sie eine reine Erfahrung im buchstäblichen Sinne eines Das [that] haben, das noch kein bestimmtes Was [what] ist, wenn es auch gleichwohl bereit ist, jede nur denkbare Form eines Was anzunehmen; sie ist voller Einheit und Vielheit, aber auf eine Art und Weise, die sich nicht manifestiert; sie ist in ständigem Wechsel, dies aber in so verworrener Weise, daß ihre Phasen sich gegenseitig durchdringen und keine Fixpunkte, weder solche des Unterschieds noch die der Identität, ausgemacht werden können. In diesem Zustand ist reine Erfahrung nur eine andere Bezeichnung für Gefühl oder Empfindung.« James (2006: 59) Wichtiger als Verfügung über
das Material ist in diesem Zusammenhang Empfäng-
lichkeit für seine Eigenlogik: Sinnlich erfasstes Mate-
rial ist, in einer Wendung Feuerbachs formuliert, »nicht
in ganzen Zahlen, sondern nur in Brüchen darstellbar
(Feuerbach 2013: 49). Das in den Sinnen Gegebene ist
brüchig und uneins mit dem Denken, denn »[d]iese von
mir als Denkendem unterschiedenen Zeugen sind die
Sinne.« (Feuerbach 2013: 30). Weil Politik, Macht und
Geschichte nicht nur auf Seiten des Denkens
verortet, sondern auch sinnlich beschaffen sind,
stehen sie gerade auf dieser Ebene zur Disposition.
Gerade als sinnliche Qualitäten müssen sie bearbeitet
und anders werden. Um der Antwort auf die Frage nach
dem sinnlich Gegebenen, dem konkreten Material eines
Arbeitsprozesses, näherzukommen, lohnt es sich, Feu-
erbachs Überlegungen zu den Sinnen und zum Sinn-
lichen in Erinnerung zu rufen und mit ihm sinnliche
Tätigkeit als Ausgangspunkt jeglichen Handelns, kurz-
um: als Praxis zu verstehen. Praxis ist hier und jetzt. Sie
kommt aus einem Dieses, dass kein Jenes ist. Feuerbach
wendet sich mit seinem Bestehen auf den Sinnen gegen
Hegel, der in seiner Phänomenologie einen Standpunkt
vertritt, dem zufolge die Sinne zweitrangig gegenüber
dem Denken seien.

»Was ist das Diese? Nehmen wir es in der gedoppelten Gestalt
seines Seins, als das Jetzt und also das Hier, so wird die
Dialektik, die es an ihm hat, eine so verständliche Form
erhalten, als es selbst ist. Auf die Frage: was ist das Jetzt? ant-
worten wir also zum Beispiel: das Jetzt ist die Nacht. Um die
Wahrheit dieser sinnlichen Gewißheit zu prüfen, ist ein ein-
facher Versuch hinreichend. Wir schreiben diese Wahrheit
auf; eine Wahrheit kann durch Aufschreiben nicht verlieren;
ebensowenig dadurch, daß wir sie aufbewahren. Sehen wir
jetzt, diesen Mittag
, die aufgeschriebene Wahrheit wieder an,
so werden wir sagen müssen, daß sie schal geworden ist.
[...] Als ein Allgemeines sprechen wir auch das Sinnliche aus;
was wir sagen, ist: Dieses, d. h. das allgemeine Diese, oder: es ist;
d. h. das Sein überhaupt. Wir stellen uns dabei freilich nicht
das allgemeine Diese oder das Sein überhaupt vor, aber wir
sprechen
das Allgemeine aus; oder wir sprechen schlecht-
hin nicht, wie wir es in dieser sinnlichen Gewißheit meinen.
Die Sprache aber ist, wie wir sehen, das Wahrhaftere; in
ihr widerlegen wir selbst unmittelbar unsere Meinung; und
da das Allgemeine das Wahre der sinnlichen Gewißheit ist
und die Sprache nur dieses Wahre ausdrückt, so ist es gar
nicht möglich, daß wir ein sinnliches Sein, das wir meinen,
je sagen können.« (Hegel 1986: 84f.).

Hegel nimmt hier eine für sein idealistisch-
phänomenologisches System entscheidende
Gewichtung zwischen dem sinnlich Gegebenen, gegen
dessen »Gewissheit« er argumentiert, und seiner Auf-
hebung im Denken vor. Weil die Aussage, das Hier und
Jetzt als dieses Gemeinte sei die Nacht, am darauf fol-
genden Mittag keine Gültigkeit mehr hat, geht er davon
aus, dass es keine sinnliche Gewissheit gibt, weil Dieses
immer auch Jenes ist, die sinnliche Nacht der Mittag
des Gedankens, und überträgt diesen Gedanken auf
das sinnlich Gegebene überhaupt. Allgemeinheit kann
es laut Hegel nur im Denken geben, nicht in den Sin-
nen. In den Sinnen gibt es nur Besonderes, etwas, dass
auf seine eigene Tilgung wartet. Nie können wir sagen,
was wir meinen, und die so entstandene Kluft zwischen
Sehen und Sprechen kann schließlich nur im Spre-
chen aufgehoben werden, dem das Sehen nachgeordnet
wird. Hegel setzt den gemeinen Verstand an die Stelle
des Gemeinsinns, der hingegen für Feuerbach zentral
ist, wobei dieser ebenso wie sein ehemaliger Lehrer auf
einer unüberbrückbaren Differenz von Sehen und Spre-
chen insistiert. Er tut dies jedoch derart, dass es für ihn
keine Gewissheit des Verstehens gegenüber den Sinnen
geben kann. Vom Kopf auf die Füße gestellter Hegel: Was
für Hegel der Geist ist, ist für Feuerbach das Sinnliche.

Von Feuerbach übernimmt der Workshop des Sinnlichen
seinen Nominalismus. Anstatt das sinnlich Gegebene
in einem allzu allgemeinen Denken glatt zu bügeln, fol-
gen wir seinen vielen Furchen und Lücken und finden
in ihnen Fragen der Politik und Macht ebenso wie der
Geschichte. Dies erfordert manchmal eine andere Ver-
wendung bereits bestehender Wörter, manchmal die
Erfindung neuer Wörter, manchmal auch Schweigen und
Anschauung, bevor wir überhaupt zu sprechen begin-
nen. Für Feuerbach besitzt das Sinnliche eine Eigenlo-
gik, die weder in einer bestimmten Idee des Arbeitspro-
zesses noch in einem einzigen Kohärenzmuster aufgeht,
sondern notwendigerweise in einer Spannung zu den
auf es angelegten Bearbeitungsweisen steht. Vom sinn-
lich gegebenen Material auszugehen heißt demnach
ebenfalls nicht, im Sinne poststrukturalistischer
Ansätze allein Konzepte des offenen Werkes in
den Vordergrund zu stellen (unterschiedliche Lesbar-
keiten, multiple Zugänge etc.) und sich dann am Spiel
des Signifikanten zu erfreuen – hierauf haben Bojana
Cvejić und Ana Vujanović bereits vor über einem Jahr-
zehnt hingewiesen (Cvejić / Vujanović 2005) –, sondern
das ›Signifikat‹ und mit ihm die anschauende Tätigkeit
gegenüber der begrifflich erfassenden zu stärken. Die
Besprechung des sinnlich Gegebenen ist nicht dessen
Erklärung, im Gegenteil, sie ist die Ausdifferenzierung
und Entfaltung der in ihm enthaltenen Probleme.

Die Werkstatt des Sinnlichen verhält sich zum herkömm-
lichen Mentoring ähnlich wie Feuerbachs Insistieren auf
den Sinnen gegenüber Hegels spekulativer Philosophie
des Geistes. Während letztere im Material den unvoll-
kommenen Ausdruck eines Zustands der Welt sieht,
den es unter Anleitung eines*r Mentors*in zu korrigie-
ren gilt, um ihn dem Denken anzupassen, versteht eine
sinnliche Philosophie es als aktive Komponente in der
Welt als Prozess. Hier hat sich das Denken der Anschau-
ung anzupassen und sollte deshalb zunächst vor allem
sehen lernen. Nach seinem Bruch mit Hegel schreibt
Feuerbach:

»Das mit sich identische, kontinuierliche Denken läßt im
Widerspruch mit der Wirklichkeit
die Welt sich im Kreise um
ihren Mittelpunkt drehen; aber das durch die Beobachtung
von der Ungleichförmigkeit dieser Bewegung, also durch
die Anomalie der Anschauung unterbrochene Denken ver-
wandelt der Wahrheit gemäß diesen Kreis in eine Ellipse. Der
Kreis
ist das Symbol, das Wappen der spekulativen Philoso-
phie, des nur auf sich selbst sich stützenden Denkens [...], die
Ellipse
dagegen ist das Symbol, das Wappen der sinnlichen
Philosophie, des auf die Anschauung sich stützenden Den-
kens.« (Feuerbach 2013: 49f.)

Als gestauchter Kreis hat die Ellipse, so viel ist bereits klar
gewesen, zwei Brennpunkte. Während der Kreis des
Denkens um einen einzigen Mittelpunkt kreist, den des
Begriffs, dem die Anschauung untergeordnet
wird, gibt es in der Ellipse eine Spannung zwi-
schen dem Prozess des Verstehens und der sinnlichen
Anschauung, auf die er sich zwar bezieht, mit der er aber
auch nicht verschmelzen kann. Denken und Anschauen
sind die zwei Pole des Widerstreits, ineinander verästelt
und verwoben, ohne deckungsgleich zu sein, der sich
im Material manifestiert und nicht einfach beschwich-
tigt werden kann. Ihm eine Form zu geben heißt, das
sinnlich gegebene Material ins Werk zu setzen und sich
dabei als urteilende Instanz nicht über die sinnliche
Erfahrung zu stellen, sondern sich in sie hineinzubege-
ben, die Spannung auszuhalten, ohne sie lösen zu wol-
len. Anstatt als Subjekt ein Objekt zu bestimmen, gleicht
sich hier das Denken der Beschaffenheit des Materials
an, sinnt ihm nach, lässt sich von ihm berühren und
wird anders im Kontakt mit etwas, das nicht es selbst
sein kann, da es ihm gegenüber seine Unabhängigkeit
bewahrt.

Wir müssen uns wohl endgültig verabschieden von Subjek-
ten, Objekten, Prädikaten und vielleicht sogar vom gram-
matikalischen Denken überhaupt. Überall sind Ellipsen.
Ich bin ebenso Subjekt des Materials wie Gegenstand
deiner Wahrnehmung, und du bist sowohl Subjekt als
auch Gegenstand meiner Wahrnehmung, während wir
alle Prädikate des Materials sind und das Material unser
Prädikat ist, und all das passiert gleichzeitig, weil sich
unsere sinnliche Verbundenheit nicht für Grammatik
interessiert. Feuerbachs Konzept sinnlicher Praxis ist
weniger wie eine Sprache strukturiert, als vielmehr ein
Gefüge, das unterschiedliche Akteure und Netzwerke in
einen relationalen, ökologischen Zusammenhang stellt.
Erst wenn wir beginnen, alles auf einer Ebene anzuord-
nen, das Material, unseren sinnlichen Kontakt zu ihm,
unsere sozialen Beziehungen zueinander, die über das
Material gestiftet werden, werden wir verstehen, dass es
im Workshop des Sinnlichen nicht darum geht, etwas
uns Äußeres ins Werk zu setzen. Im Gegenteil setzen wir
hier uns ins Werk, also den sinnlichen Zusammenhang,
in dem wir uns befinden und der mehr ist als unser
nur individuelles Denken. Dies wäre Gemein-
sinn nach Feuerbach: Obwohl unsere Situation
niemals vollkommen und stimmig sein wird, überall
sind Unstimmigkeiten ins Sinnliche eingefaltet, wird
uns die Arbeit am Material doch zeigen, dass wir uns in
einer gemeinsamen Situation befinden, es gemeinsame
Bezüge zwischen uns gibt und dass diese allein über das
Material vermittelt sind.

3. Zurück zu den Sinnen!

Der Autor des vorliegenden Beitrags zu diesem Band hat in unterschied-
lichen Ausbildungsformaten die Erfahrung gemacht,
dass in Arbeitsprozessen oft weniger entlang des Mate-
rials und dessen sinnlicher Beschaffenheit als vielmehr
über dessen Einbettung in Referenzsysteme gespro-
chen wird. Der theory turn hat nach der Bildenden Kunst
seit längerem ebenfalls im Ausbildungskontext des zeit-
genössischen Tanzes Fuß gefasst (Nollert et al. 2006;
Melzwig et al. 2007). Das ist auch gut so: Durch Metho-
den der Cultural Studies haben sich kritische Denkwei-
sen etabliert, die in erster Linie auf Fragen nach Macht-
und Geschlechterverhältnissen, kulturelle Codierungen
und andere Bedingungsformen von Praxis abzielen.
Im Anschluss daran soll hier dafür plädiert werden, in
einem Workshop des Sinnlichen Kunst zusätzlich als
sinnliche
Praxis zu verstehen und einen stärkeren Fokus
auf das Material in seiner Widerständigkeit gegenüber
dem Denken und auf Verhandlungsweisen bzgl. einer
gemeinsamen Arbeit an ihm zu legen – ein Anliegen,
das auch von einer Gruppe von Choreograph_innen
unter dem Namen everybodys verfolgt und entlang
zahlreicher Scores und Spielstrukturen entfaltet wird.Vgl. http://everybodystoolbox.net/index.php?title=Accueil, Zugriff am 24.3.2019.

Am Material zeigen sich in unserer Werkstatt politische Ver-
hältnisse ebenso wie Machtverhältnisse und historische
Konstellationen, und nur durch sinnliche Praxis an und
mit ihm lassen sie sich transformieren. Mehr Gewicht
auf die ästhetische Arbeit am und mit dem Material
zu legen würde also bedeuten, wieder einen stärke-
ren Akzent auf poesis (Kunst als Herstellung) zu legen,
ohne dabei das Mitbedenken von Kontexten
und Referenzsystemen außer Acht zu lassen
(Pristaš 2015). Auf Kants Kritik der Urteilskraft rekurrie-
rend, betont Georg W. Bertram in Kunst als menschliche
Praxis: »Im Ästhetischen geht es um die Verfasstheit
des Menschen als eines sinnlich verstehenden Wesens.
Diese Verfasstheit teilen alle Menschen miteinander.
So sind ästhetische Erfahrungen [...] Erfahrungen von
etwas, das Menschen prinzipiell miteinander teilen.«
(Bertram 2014: 89).

Dies wäre die Welt, in welcher der Workshop des Sinnli-
chen statthat: In ihr teilen Menschen das Sinnliche
miteinander, teilen es unter sich auf, beteiligen sich an
Verteilungskämpfen des Sinnlichen, verwalten und dis-
tribuieren es, lassen es zirkulieren. Jacques Rancière
hat gezeigt, dass das Sinnliche zutiefst politisch ver-
fasst ist (Rancière 2002, 2006). Zurück zu den Sinnen
meint nicht zurück zu den Dingen. Worum es allerdings
geht, ist das sinnlich Gegebene als etwas zu verste-
hen, das eine Eigenlogik und eine ihm eigene Dynamik
ins Spiel bringt, die es ins Werk zu setzen gilt. Genau
genommen kann es hier nicht um Mentoring gehen, da
der / die Dozierende gegenüber den Studierenden bei
der Bearbeitung dessen, was sinnlich gegeben ist, kei-
nen Wissensvorsprung geltend machen kann. Vielleicht
hat er oder sie im Laufe der Jahre mehr Kontextwissen
angesammelt, aber das Material wendet sich an die an
der gemeinsamen Situation Beteiligten gleichermaßen,
auch wenn es zu allen anders spricht und obwohl die
Verständigung darüber nicht immer harmonisch ver-
läuft. An entscheidender Stelle seiner Grundsätze der
Philosophie der Zukunft
bemerkt Feuerbach im § 39:

»Die alte absolute Philosophie hat die Sinne nur in das Gebiet
der Erscheinung
, der Endlichkeit verstoßen, und doch hat sie im
Widerspruch
damit das Absolute, das Göttliche als den Gegen-
stand der Kunst bestimmt. Aber der Gegenstand der Kunst
ist – mittelbar in der redenden, unmittelbar in der bilden-
den Kunst – Gegenstand des Gesichts, des Gehörs, des Gefühls.
Also ist nicht nur das Endliche, das Erscheinende, sondern auch
das wahre, göttliche Wesen Gegenstand der Sinne
der Sinn Organ des Absoluten. Die Kunst ›stellt die
Wahrheit im Sinnlichen dar‹ – das heißt, richtig erfaßt und
ausgedrückt: die Kunst stellt die Wahrheit des Sinnlichen dar.«
(Feuerbach 2013: 43).

Kunst ist immer sinnlich gemacht. Der Sinn des Sinnli-
chen ist weder über noch hinter ihm zu finden, sondern
allein in seiner praktischen Herstellung. Ihm muss auf
seiner Oberfläche nachgegangen werden, da er selbst
nichts als sinnlich ist. Das Sinnliche ist keine Darstel-
lung eines Übersinnlichen, dessen Form es zu verkör-
pern hätte, sondern selbst auf dem Weg zu einer Form,
die allein ihm entspricht. Diese ›Wahrheit‹ des Sinnli-
chen ist als »Organ des Absoluten« letztlich Organ der
Summe aller, die am Sinnlichen teilhaben. Die Wahrheit
des Sinnlichen kann nur Gemeinsinn sein, von dem
Kant nicht wusste, ob es ihn jemals geben würde und
den Sylvia Wynter aus postkolonialer Perspektive hin-
sichtlich ihrer Wiederverzauberung des Humanismus
anklingen lässt (Wynter / Scott 2000: 119–207). Unser
Workshop des Sinnlichen im Sinne unserer mensch-
lichen Praxis ist zwar nicht losgelöst von historischen
Bedingungsweisen und kulturellen Codierungen, aber
er ist auch nicht mit ihnen identisch. Geschichte zeigt
sich im Sinnlichen, sie schreibt sich in es ein und ist
Teil von ihm, aber sie stellt es nicht vollends still. Das
Sinnliche als der Ort einer Werkwerdung und Assoziati-
on aller, die an ihm teilhaben, besitzt eine Tendenz, die
es nicht vollends in Geschichte aufgehen lässt. Zurück
zu den Sinnen zu gehen meint deshalb nicht, die Refe-
renzsysteme, welche die Erscheinung in sich einhüllen,
außer Acht zu lassen, aber es bedeutet, immer wieder
auch seinen Abstand von ihnen und seinen Eigenwert
ihnen gegenüber herauszukehren. Das sinnlich Gegebe-
ne Subjekt sein lassen: Wir werden kein Referenzsystem
finden, in dem sich alle anderen und dieses Sinnliche,
das nicht jenes ist, aufgehoben finden. Was uns bleibt,
ist allein dem uns sinnlich Gegebenen in all seinen Ver-
ästelungen und Abzweigungen nachzuspüren und ihm
abzuhorchen, was es uns zu sagen hat. So
und nur so können sich die zwei Brennpunk-
te unserer Ellipse einander annähern. In seiner Vorre-
de zur zweiten Auflage von Das Wesen des Christentums
schreibt Ludwig Feuerbach:

»Ich bin himmelweit unterschieden von den Philosophen,
welche sich die Augen aus dem Kopfe reißen, um besser
denken zu können; ich brauche zum Denken die Sinne, vor
allem die Augen, gründe meine Gedanken auf Materialien,
die wir uns stets nur vermittelst der Sinnentätigkeit aneig-
nen können, erzeuge nicht den Gegenstand aus dem Gedan-
ken, sondern umgekehrt den Gedanken aus dem Gegenstan-
de
, aber Gegenstand ist nur, was außer dem Kopfe existiert
(Feuerbach 2011: 19).

Das Sinnliche spricht nicht unsere Sprache. Wir müssen es
also übersetzen. Indem wir die Nähen und Distanzen,
die Dichten und Verstreutheiten, die Intensitäten, aus
denen es besteht, in unsere Worte übersetzen, bewegen
wir uns durch das Gestrüpp, das in einer unglaublichen
Materialfülle vor unseren Augen liegt. In der Werkstatt
des Sinnlichen sind wir alle Nominalisten: Wir denken
nicht allgemein über diese sinnliche Situation als jene,
sondern passen unser Denken dem Besonderen an,
was bedeutet, dass uns das Material dazu bringen wird,
unsere Richtung und unsere sozialen Verhältnisse zuei-
nander zu ändern. Gemeinsam anders werden. Hier und
jetzt. Dieses. Dieses. Dieses. Packen wir es an. Wir sind
doch schließlich im Workshop des Sinnlichen, wo einsa-
me Inseln im Meer sich nie gleich sind, sondern unzähli-
ge Variationen durchlaufen, die es miteinander zu teilen
gilt und sich nirgendwo zentrieren lassen.

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